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Kind wird abends krank: 116 117 oder Kindernotfallpraxis?

Die Ausgangslage

Es ist 20 Uhr, die Praxis hat seit Stunden zu, und Ihr Kind wirkt nicht gut. Die Frage ist nicht, was es hat — das kann niemand am Küchentisch entscheiden. Die Frage ist: Welchen Weg wählen Sie in den nächsten zehn Minuten?

Dafür gibt es vier Antworten.

Weg Wann Was passiert
112 Verdacht auf einen lebensbedrohlichen Zustand Der Rettungsdienst kommt zu Ihnen
116 117 ärztliche Hilfe nötig, aber kein Notfall, Praxis geschlossen Beratung, Termin in einer Bereitschaftspraxis oder Hausbesuch
Giftnotruf 0228 19240 Verdacht auf Vergiftung, Kind wach und stabil Beratung rund um die Uhr, für Privatpersonen kostenfrei
Morgen in die Praxis alles, was Zeit hat regulärer Termin

Der Leitsatz vorweg: Lieber einmal zu früh die 112 wählen als einmal zu spät. Ob es ein Notfall war, einzuschätzen ist Aufgabe der Leitstelle, nicht Ihre.

🔴 Sofort 112 — ohne Zwischenschritt

Bei diesen Zeichen ist weder der Anruf beim Bereitschaftsdienst noch die Fahrt in eine Notfallpraxis der richtige Weg:

  • Atemnot: sehr schnelle oder angestrengte Atmung, Einziehungen zwischen den Rippen oder am Hals, Nasenflügeln, Stöhnen bei jedem Atemzug, bläuliche oder graue Lippen
  • schlechter Allgemeinzustand: schlaff, apathisch, schwer weckbar, reagiert nicht wie sonst
  • Bewusstseinstrübung oder Bewusstlosigkeit
  • Krampfanfall — besonders erstmalig, länger als fünf Minuten, wiederholt, oder wenn das Kind danach nicht richtig wach wird
  • Hautausschlag, der sich unter Glasdruck nicht wegdrücken lässt: ein Trinkglas fest auf die Flecken drücken; bleiben sie sichtbar, sofort 112
  • Trinkverweigerung über Stunden, dazu trockener Mund, keine Tränen beim Weinen, deutlich weniger nasse Windeln, beim Säugling eine eingefallene Fontanelle
  • Fieber bei einem Säugling unter drei Monaten — ohne Ausnahme und unabhängig davon, wie das Kind wirkt
  • Verdacht auf Vergiftung oder auf verschluckte Knopfzellen beziehungsweise mehrere Magnete
  • allergische Reaktion mit Atemnot oder Schwellung an Gesicht, Lippen, Zunge oder Hals
  • starke Blutung, die sich nicht stillen lässt
  • schwerer Sturz, Sturz aus Höhe, Kopfverletzung mit Erbrechen, auffälliger Schläfrigkeit oder Krampfanfall
  • Nackensteife, starke Kopfschmerzen, Lichtscheu

Diese Liste ist keine Rangfolge. Ein einziger Punkt genügt.

Verdacht auf Vergiftung

Zwei Nummern, in dieser Reihenfolge:

  1. Geht es dem Kind schlecht — Bewusstseinstrübung, Krampfanfall, Atemnot, Verdacht auf eine Verätzung im Mund —, gilt sofort die 112.
  2. Ist Ihr Kind wach und unauffällig, Sie wissen aber nicht, wie gefährlich das Verschluckte ist: Giftnotruf. Für Nordrhein-Westfalen ist die Informationszentrale gegen Vergiftungen am Universitätsklinikum Bonn zuständig, rund um die Uhr erreichbar unter 0228 19240; für Privatpersonen ist die Beratung kostenfrei. Kommen Sie nicht durch, wählen Sie die 112 oder wenden sich an eine andere Giftinformationszentrale.

Halten Sie bereit: was, wie viel, wann, das Alter und ungefähre Gewicht des Kindes, welche Beschwerden bestehen. Nehmen Sie die Verpackung oder das Produkt mit, wenn Sie losfahren.

Geben Sie nichts auf eigene Faust. Kein Erbrechen auslösen, keine Milch, kein Salzwasser — das kann die Lage verschlechtern. Was zu tun ist, sagt Ihnen der Giftnotruf oder die Leitstelle.

Knopfzellen und Magnete sind ein eigener Fall: Beides gehört sofort ärztlich abgeklärt, auch wenn Ihr Kind munter wirkt und keine Beschwerden hat.

🟠 116 117 — der ärztliche Bereitschaftsdienst

Zuständig, wenn die Praxis geschlossen hat und es nicht bis zum nächsten Werktag warten kann: abends, nachts, am Wochenende, an Feiertagen. Rund um die Uhr, bundesweit, kostenfrei.

Wie der Anruf abläuft. Sie werden strukturiert befragt: Alter, Beschwerden, seit wann, wie das Kind wirkt, wie viel es trinkt. Das ist eine standardisierte Ersteinschätzung, keine Prüfung. Ergebnis kann sein: Beratung am Telefon, ein Termin in einer Bereitschaftspraxis, der Verweis auf eine kinderärztliche Notdienstpraxis, ein Hausbesuch — oder, wenn Ihre Antworten dafür sprechen, die direkte Weitergabe an den Rettungsdienst.

Halten Sie bereit:

  • Alter und ungefähres Gewicht
  • seit wann die Beschwerden bestehen und wie sie sich verändert haben
  • Temperatur und womit gemessen wurde
  • wie viel Ihr Kind getrunken hat und wie viele Windeln nass waren
  • Vorerkrankungen, Dauermedikamente, Allergien
  • was Sie wann gegeben haben
  • Impfpass und gelbes Untersuchungsheft in Reichweite

Was der Bereitschaftsdienst nicht leisten kann, ist eine Diagnose am Telefon. Wenn man Ihnen rät, das Kind vorzustellen, ist das keine Absicherung auf Ihre Kosten, sondern die Antwort auf die Frage, die Sie gestellt haben.

Typische Anlässe: Fieber, das Sie nicht einordnen können; Ohrenschmerzen in der Nacht; Erbrechen und Durchfall mit wenig Trinken; Ausschlag mit Fieber; ein Atemwegsinfekt, dessen Husten sich verschlechtert; eine Wunde, die vielleicht versorgt werden muss; die Verschlechterung einer bekannten Erkrankung.

Die Kindernotfallpraxis

An vielen Kinderkliniken in Nordrhein-Westfalen gibt es eine kinderärztliche Notdienst- oder Notfallpraxis. Betrieben wird sie von niedergelassenen Kinderärztinnen und Kinderärzten im Bereitschaftsdienst, meist in oder direkt neben der Klinik. Der Vorteil liegt auf der Hand: Dort sieht jemand Ihr Kind, der täglich Kinder sieht.

Drei Dinge, die man vorher wissen sollte:

  1. Die Öffnungszeiten sind begrenzt und von Standort zu Standort verschieden — häufig abends und an Wochenenden, selten durchgehend nachts. Deshalb erst über die 116 117 klären, welche Anlaufstelle geöffnet und zuständig ist, dann losfahren. Eine verschlossene Tür um 23 Uhr kostet genau die Zeit, die Sie nicht haben.
  2. Termine im üblichen Sinn gibt es nicht. Sie kommen und warten, und die Wartezeit lässt sich vorher niemandem versprechen.
  3. Die Reihenfolge richtet sich nach Dringlichkeit. Wer nach Ihnen kommt und schlechter dran ist, kommt vor Ihnen dran.

Wenn sich der Zustand im Wartebereich ändert — Ihr Kind wird schlapper, atmet angestrengter, erbricht wiederholt, ein Ausschlag kommt dazu —, gehen Sie zur Anmeldung und sagen es. Eine Ersteinschätzung ist eine Momentaufnahme. Sie wird korrigiert, wenn jemand Bescheid gibt.

Wann es die Kinderklinik sein muss

Bei den Warnzeichen weiter oben gilt die 112, nicht die eigene Fahrt. Der Rettungsdienst beginnt sofort mit der Versorgung, meldet Ihr Kind an und fährt gezielt ein Haus an, das Kinder aufnehmen kann. Denn: Nicht jedes Krankenhaus hat eine Kinderabteilung. Auch das ist ein Grund, vorher anzurufen statt loszufahren.

Selbst zu fahren ist vertretbar, wenn es Ihrem Kind stabil geht und eine zweite erwachsene Person mitkommt, die sich während der Fahrt um das Kind kümmert. Ein Elternteil allein am Steuer, mit einem kranken Kind auf der Rückbank und einem Auge im Rückspiegel, ist ein schlechter Plan.

Was in aller Regel bis zur Sprechstunde warten kann

Das Folgende gilt nur, solange keines der Warnzeichen dazukommt und Ihr Kind trinkt, ansprechbar ist und Phasen hat, in denen es wie es selbst wirkt:

  • Schnupfen und Husten ohne Atemnot
  • der erste Fiebertag bei einem Kind über sechs Monaten, das trinkt und zwischendurch spielt
  • einmaliges Erbrechen ohne weitere Beschwerden
  • ein Ausschlag ohne Fieber, ohne Schwellung, ohne Beeinträchtigung
  • kleine Schürfwunden und leichte Prellungen
  • ein entfernter Zeckenstich ohne Beschwerden, Läuse, Warzen
  • ein Rezept, eine Bescheinigung, eine Frage zur Vorsorge

Diese Liste ersetzt keine Untersuchung. Sie bildet ab, was den Bereitschaftsdienst typischerweise nicht braucht — nicht, was ungefährlich ist.

Ihr Eindruck ist eine Information

Eltern bemerken Veränderungen zuerst. Wenn Sie das Gefühl haben, dass diesmal etwas anders ist als bei allen Infekten davor, ist das keine Nervosität, die man sich abgewöhnen sollte — es ist ein Befund, der ins Gespräch gehört. Sagen Sie ihn am Telefon und an der Anmeldung so deutlich, wie Sie ihn empfinden. Mein Kind ist anders als sonst ist ein Satz, den man ernst nimmt.

Der Verlauf schlägt die Momentaufnahme. Ein Kind, dem es um 20 Uhr besser ging und um 22 Uhr deutlich schlechter geht, ist ein neuer Fall — auch wenn Sie vor zwei Stunden schon angerufen haben. Rufen Sie noch einmal an. Niemand rechnet Ihnen den zweiten Anruf an.

Was Sie mitnehmen

  • Versichertenkarte
  • gelbes Untersuchungsheft und Impfpass
  • Liste der Medikamente, einschließlich dessen, was Sie heute wann gegeben haben
  • Angaben zu Allergien und Vorerkrankungen, vorhandene Arztbriefe
  • Wechselwäsche, etwas zu trinken, etwas Vertrautes zum Trösten, ein Ladekabel
  • bei Verdacht auf Vergiftung: die Verpackung oder das Produkt

Zwei Themen, die häufig dazugehören

Fieber ist der häufigste Anlass für die abendliche Unsicherheit — und die Höhe der Temperatur ist dabei der am meisten überschätzte Wert. Wie sich Fieber einordnen lässt, welche Warnzeichen zählen und was bei einem Fieberkrampf zu tun ist, steht ausführlich in Fieber beim Kind: Wann abwarten, wann zum Arzt.

Die allgemeine Abgrenzung zwischen 116 117 und 112 gilt für Erwachsene wie für Kinder gleichermaßen: dieselben Nummern, dieselbe Zuständigkeit. Was bei Kindern anders ist, ist der Zeitdruck — kleine Kinder trocknen schneller aus, ihr Zustand kippt schneller, und sie können nicht beschreiben, was ihnen fehlt. Deshalb sind die Warnzeichen oben andere als die bei Erwachsenen, und deshalb ist die Schwelle zum Anruf niedriger.


Dieser Beitrag hilft bei der Einordnung. Er ersetzt keine ärztliche Untersuchung; bei Verdacht auf einen Notfall wählen Sie ohne Umweg die 112 — im Zweifel lieber einmal zu früh.

HÄUFIGE FRAGEN
Wann muss ich mit meinem Kind sofort die 112 rufen?
Bei angestrengter oder sehr schneller Atmung, bläulichen Lippen, schwerer Weckbarkeit oder Bewusstseinstrübung, bei einem Krampfanfall, bei einem Hautausschlag, der sich unter Glasdruck nicht wegdrücken lässt, bei Trinkverweigerung mit Zeichen der Austrocknung, bei Fieber eines Säuglings unter drei Monaten und bei Verdacht auf eine Vergiftung. In diesen Fällen ist weder ein Anruf beim Bereitschaftsdienst noch die Fahrt in eine Notfallpraxis der richtige Weg. Lieber einmal zu früh die 112 wählen als einmal zu spät.
Mein Kind ist abends krank geworden – 116 117 anrufen oder bis morgen warten?
Warten ist vertretbar, solange Ihr Kind trinkt, ansprechbar ist, Phasen hat, in denen es wie es selbst wirkt, und keines der Warnzeichen zeigt. Die 116 117 ist der richtige Weg, wenn Ihr Kind heute noch angesehen werden sollte, aber kein Notfall vorliegt: Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist rund um die Uhr, bundesweit und kostenfrei erreichbar. Wenn Sie unsicher sind, rufen Sie dort an, statt allein zu entscheiden.
Was ist eine Kindernotfallpraxis und wie finde ich eine?
Das ist eine Notdienstpraxis, die von niedergelassenen Kinderärztinnen und Kinderärzten im Bereitschaftsdienst betrieben wird, meist in oder direkt neben einer Kinderklinik. Die Öffnungszeiten sind begrenzt und je nach Standort unterschiedlich. Fragen Sie deshalb erst über die 116 117 nach, welche Anlaufstelle gerade geöffnet und für Sie zuständig ist, bevor Sie losfahren.
Warum kommen in der Notfallpraxis andere vor uns dran?
Die Reihenfolge richtet sich nach der Dringlichkeit, nicht nach der Ankunftszeit. Wer nach Ihnen kommt und schlechter dran ist, wird vorher behandelt. Das ist kein Fehler im Ablauf, sondern der Ablauf. Wenn sich der Zustand Ihres Kindes im Wartebereich ändert, sagen Sie an der Anmeldung Bescheid — die Ersteinschätzung wird dann neu bewertet.
Mein Kind hat etwas Giftiges verschluckt – was tun?
Geht es dem Kind schlecht, etwa bei Bewusstseinstrübung, Krampfanfall, Atemnot oder Verdacht auf Verätzung, wählen Sie sofort die 112. Ist Ihr Kind wach und unauffällig, Sie wissen aber nicht, wie gefährlich das Verschluckte ist, hilft der Giftnotruf: Für Nordrhein-Westfalen ist die Informationszentrale gegen Vergiftungen am Universitätsklinikum Bonn zuständig, rund um die Uhr erreichbar unter 0228 19240, für Privatpersonen kostenfrei. Geben Sie nichts auf eigene Faust und lösen Sie kein Erbrechen aus.
Kann ich mit meinem Kind selbst in die Kinderklinik fahren?
Bei den genannten Warnzeichen nicht: Dann gilt die 112. Der Rettungsdienst beginnt sofort mit der Versorgung, meldet Ihr Kind an und fährt gezielt ein Haus an, das Kinder aufnehmen kann — nicht jedes Krankenhaus hat eine Kinderabteilung. Selbst zu fahren ist vertretbar, wenn es Ihrem Kind stabil geht und eine zweite erwachsene Person mitkommt, die sich während der Fahrt um das Kind kümmert.